Münchner Semiotik

Publikationen des Forschungskolloquiums an der LMU

Autor: Nina

Rainer Maria Rilkes Sonett Archaïscher Torso Apollos
im Blickfeld des psychoanalytischen Systems Jacques Lacans

von Simon Brandl …zum Text

Der Proceß, als Zeichen gelesen:
Ch.S. Peirces Zeichentriade als hermeneutische Möglichkeit der Durchdringung komplexer Strukturen in Kafkas Fragmentroman Der Proceß

von Jan Heidamke   …zum Text

LACAN NOW!
Ein Blick auf Jacques Lacan mittels Francis Ford Coppolas APOCALYPSE NOW

von Anna-Maria Babin   …zum Text

Die Figur und ihre Abbilder in Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray
Relation und Interaktion zwischen Original, Doubel und den anderen

von Florian Benedikt Schäfer   …zum Text

Der fremde (Wort‑)Körper im entfremdeten Leib
Was uns Jacques Lacans Psychosemiologie über unsere Werdung zum objektivierenden Subjekt, über unsere Psychosen (in G. Grass‘ Die Blechtrommel) und über unseren Krebs (in C. Schlingensiefs Mea Culpa) sagen kann

von Patrick Thor   …zum Text

Die Macht des Signifikanten in Robbe-Grillets Augenzeuge

von Nina Ort   …zum Text

“Three Cameras! And we got nothing!”
Medientechnische Strategien zur Darstellung außersinnlicher Phänomene im Medium Film

von Tobias Martin Schwaiger   …zum Text

Abduktionen

In Alain Robbe-Grillets „Der Augenzeuge“1 sieht sich der Handelsreisende Matthias genötigt, sich Alibigeschichten auszudenken, die eine gewisse Zeitspanne rechtfertigen sollen, in der – möglicherweise – ein grauenhafter Mord begangen wurde, und die ihm selbst in einer Art Absence abhanden gekommen ist. Diese Alibigeschichten wollen ihm nicht recht gelingen:

Nachdem er sich so gründlich mit der Konstruktion dieses Alibis beschäftigt hatte – als wäre es dazu angetan, ihn von jeglichem Verdacht reinzuwaschen –, entdeckte Matthias nun seine Unzulänglichkeit. […] Es blieb immer noch ein Loch in seinem Zeitplan. (S. 184f.)

Fieberhaft sucht er nach Erklärungsansätzen, die er jedoch allesamt wieder verwirft:

[…] er käme zum Bauernhof zurück, weil er glaubte, etwas vergessen zu haben… (nein) […] Er käme nichtsdestoweniger mit der Absicht, noch eine oder zwei Uhren zu verkaufen… (nein). Er wäre ungefähr drei Minuten zu spät an der Rampe angekommen, wegen des geliehenen Fahrrads, das im letzten Moment… (nein), […]. (S. 180)

Schließlich sieht er sich gezwungen, „[…] schnell zu reden, so schnell wie möglich, aber in beständiger Angst, seine Sätze auf verminte und ausweglose Pfade zu leiten […].“ (S. 180)

Er begann [] überstürzt zu sprechen […]. Um die Pausen auszufüllen, wiederholte er häufig mehrmals denselben Satz. Er überraschte sich sogar beim Aufsagen des Einmaleins. (S. 198)

Die Abduktion ist eine Schlussfolgerungsweise, mit der versucht wird, ein verblüffendes Phänomen durch eine erklärende Hypothese zu plausibilisieren. Wir sehen in Matthias’ Anstrengungen also die verzweifelte Suche nach einer Theorie, mit der die zeitlich nicht erklärbare Lücke in seiner Geschichte plausibel gefüllt werden könnte.

Wenn in der Abduktion auf einen Pool sich möglicherweise anbietender Regeln zurückgegriffen werden kann, so kann man erkennen, zu welch höchst dramatischem Lösungsversuch Matthias greift, indem er das Einmaleins aufsagt: welche unter allen denkbaren Regeln, wenn nicht das unumstößlich geltende Einmaleins, könnte ihn sonst noch retten?

  1. Alain Robbe-Grillet: Der Augenzeuge. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1986 []

The only thing we have to fear is fear itself.
Horror as a semiotic medium in Amnesia: The Dark Descent

von Tom Reiss   …zum Text

Impressum

© Münchner Semiotik (ISSN: 2365-0230)

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